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Wir müssen über Tugenden reden

Impuls vom 23.04.2026, Franz Arnold

Von der Entwicklung der Persönlichkeit ist recht viel die Rede. Aber was sind in unserer Gesellschaft die Ziele der charakterlichen Entwicklung? Ich meine, dass wir wieder mehr über Tugenden sprechen müssen, denn ohne die Aneignung und Ausbildung von Tugenden können wir wenig Gutes in Familie, Beruf und Gesellschaft beitragen.

Wenn man die Google KI nach Tugenden fragt, wird man über die in der Vergangenheit als erstrebenswert angesehenen Tugenden informiert. Als moderne Tugenden werden dann Toleranz, Achtsamkeit, Solidarität und Resilienz aufgeführt. Das sind auch die Themen, die in den klassischen und sozialen Medien dominieren.

Die Bedeutung dieser modernen Tugenden ist klar. Sie dienen vor allem dem friedlichen und harmonischen Zusammenleben und sie sind wichtige Voraussetzungen für Zufriedenheit und für die Chance, glücklich zu sein. Mit dem Vorrang dieser zeitgenössischen Themen geht aber einher, dass die klassischen Tugenden kaum noch beachtet werden.

Die in der Vergangenheit gelobten Tugenden sind heute in der damaligen Zusammensetzung nicht mehr vertretbar. Sie waren mit religiösen und weltanschaulichen Werten verbunden, die die meisten heute nicht mehr teilen. Aber mit der Abwendung von den Idealen der Vergangenheit geraten auch Tugenden in Vergessenheit, die für Wirtschaft und Gesellschaft wertvoll sind.

Gemeint sind Tugenden, die für gute Arbeit und für erfolgreiche Zusammenarbeit wichtig sind. Eine Tugend wie Gründlichkeit ist für zufriedenstellende Ergebnisse in den meisten Fällen unverzichtbar. Diese Tugend existiert aber nur, wenn wir sie zum Thema machen und wenn wir uns um ihre Verwirklichung bemühen.

Damit es uns gut geht, damit Wohlstand und Sicherheit existieren, müssen auch Arbeit und Zusammenarbeit gelingen. Im Handwerk, in der Industrie, in den Verwaltungen, in der Erziehung, in der Gesundheitsversorgung und in der Wissenschaft – kurz überall wo für gutes Leben gehandelt wird, brauchen wir gute Arbeit.

Gute Arbeit ist nicht einfach. Sie erfordert Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten. Aber diese mit der Qualifizierung erworbenen Voraussetzungen sichern allein keine gute Arbeit. Dafür sind Tugenden wie Fleiß, Sorgfalt, Gründlichkeit und Disziplin wesentlich und gute Zusammenarbeit erfordert unter anderem Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Höflichkeit.

Der Nutzen und die Bedeutung dieser Tugenden – nennen wir sie Arbeitstugenden – liegen auf der Hand. Aber diese Tugenden werden heute in unserer Gesellschaft kaum diskutiert. Es gehört nicht zum guten Ton, über diese Tugenden zu sprechen. Aber weil diese Tugenden wichtig sind, sollten wir wieder darüber sprechen.

Wie wichtig diese Tugenden wären, erleben wir täglich in Büros, Betrieben und Geschäften, auf Bahnhöfen, Baustellen und Behörden. Vieles funktioniert nicht mehr richtig, viel geht knapp daneben, dauert zu lange oder kommt zu spät. Wenn wir diesen Problemen auf den Grund gehen, sind sehr oft menschliche Unzulänglichkeiten die Ursache.

Wir brauchen mehr Qualität, Geschwindigkeit, Produktivität und Kreativität. Dafür sind die Tugenden wichtig. Sie bewirken, dass Wissen zu Lösungen führt, dass Können Geschwindigkeit ermöglicht und dass Erfahrung Qualität erzeugt. Tugenden sind die Treiber für gute Arbeit, Leistung und Erfolg. Tugenden machen unser Zusammenleben freundlicher und angenehmer.

Deshalb müssen wir wieder über Tugenden sprechen. Wir sollten laut sagen, dass für Leistung und Erfolg in Wirtschaft und Gesellschaft Tugenden dazu gehören und weit verbreitet sein müssen. Tugenden müssen wieder modern werden. Die Arbeitstugenden sollten einen prominenten Platz neben den heute im Vordergrund stehenden Tugenden haben.

Tugenden stehen nicht beliebig und auf Abruf zur Verfügung. Tugenden müssen gewollt, gelernt, geübt und bewahrt werden. Tugenden sind eine Frage der Haltung und der Bereitschaft, sich für gutes Handeln einzusetzen. Der Wille zur Tugend muss immer wieder erneuert werden und wir müssen um Tugenden ringen, um sie nicht zu verlieren.

Deshalb sind Tugenden auch für die Führung ein Thema. Wenn Feedback zu Arbeitsergebnissen und die Diskussion über Verbesserungen nicht zum Erfolg führen, dann gehört die Einforderung der gewünschten Verhaltensweisen auch dazu. Das Gespräch über den Mangel an Tugenden darf nicht tabu sein.

FA, 23.04.2026

10 Kommentare
  1. Ludger Bettmer sagte:

    Wie wahr, dem kann ich nur zustimmen. Tugenden sind notwendige Rahmenbedingungen für den Erfolg in der Führung. Wenn sie fehlen, kommt es meistens zu unerfreulichen Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit, die viel Zeit, Nerven und auch Geld kosten können.

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  2. Dr. Hoffknecht, Rechtsanwalt sagte:

    Ohne die von Franz Arnold zitierten Tugenden, insbesondere ohne Gründlichkeit und Sorgfalt, wird keine anwaltliche Tätigkeit erfolgreich sein. Schon die ersten Arbeitsschritte eines Anwalts, die Aufbereitung und Strukturierung des Sachverhalts, sind ohne Gründlichkeit und Sorgfalt zum Scheitern verurteilt.

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  3. Rainer Billmaier sagte:

    Tugenden setzen Werte voraus. Werte, die „früher“ in der Familie, in der Schule, im Freundeskreis geprägt wurden. Werte, die uns das Gerüst für Entscheidungen geben. Diese Sozialisationsanker haben sich verändert. Damit verändert sich auch das Wertegerüst. Das kann man bedauern oder begrüßen. Als Personaler habe ich gelernt, damit zu leben und meine Abstriche zu machen. Ansprüche möglicherweise runterzuschrauben. Fakt ist aber auch, dass es Tugenden gibt, die beruflichen Erfolg vereinfachen. Tugenden, die wir vielleicht als traditionell bezeichnen würden. Anstand, Ehrlichkeit, Sorgfalt. Tugenden, die eine Zusammenarbeit erleichtern. Erfolgreich(er) sind aber Narzissten, Egomanen und rücksichtlose Zeitgenossen. Letztlich ist es meine Entscheidung, wen ich einstelle und wer in meinen Führungskreis kommt. Dem Unternehmen geht es gut damit. Hoffen wir, dass solche Diskussionen dazu beitragen, dass Menschlichkeit und „traditionelle“ Tugenden sich durchsetzen. Die aktuelle Situation in Deutschland, Europa und weltweit zeichnet zwar ein anderes Bild. Aber wenn jeder seinen kleinen positiven Beitrag leistet, können wir eine Menge erreichen.

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    • Franz Arnold sagte:

      Ja, Werte sind die Grundlage und der Rahmen für Tugenden. Ich bedauere, dass die Bedeutung vieler Werte in der Gesellschaft verblasst. Auch die geringere Verbreitung von Tugenden ist in meinen Augen ein Verlust. Ja, dem sollten wir mit dem eigenen Handeln und mit persönliche Stellungnahmen etwas entgegensetzen. Das wird dazu beitragen, eine Welt in unserem Sinne zu gestalten.

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  4. Ingrid Felipe sagte:

    Beim Wunsch nach Geschwindigkeit denke ich unwillkürlich an die Beschleunigung, die an so vielen Stellen gefordert wird und gleichzeitig so viele ungesunde Auswirkungen auf Menschen, Organisationen und Systeme hat. Diese Beschleunigung führt zu Flüchtigkeit und diese wiederum hindert uns daran, unsere Qualitäten, unsere Tugenden zu entfalten. Ich teile daher die Analyse, dass wir den grundsätzlichen Qualitäten wie Sorgfalt und Verlässlichkeit wieder mehr Zuwendungen schenken sollten, um effektiver zu handeln.

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    • Franz Arnold sagte:

      Es ist ein interessanter Gedanke, das der Wunsch nach Geschwindigkeit und die dazu erforderlich Beschleunigung unser Handeln beeinträchtigen. Beschleunigung und Geschwindigkeit sind wie ein Rausch. Ich denke, dass wir uns fragen müssen, welchen Verlockungen wir folgen wollen.

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  5. Josef Redl sagte:

    Der These von Franz Arnold, dass Tugenden für eine gute Arbeit in einem Unternehmen eine große Rolle spielen, ist selbstverständlich absolut zuzustimmen. Ohne einem Kulturpessimismus zu frönen, muss man jedoch feststellen, dass viele ehemals als völlig normale empfundene Tugenden heute nicht mehr in dem Maße zu finden sind, wie dies früher der Fall war. Und damit neue Herausforderungen für die Führung eines Unternehmens entstanden sind, um eine möglichst friktionsfreie Zusammenarbeit zu gewährleisten. Hauptursache dafür ist vermutlich der im Lauf von Jahrzehnten allgemeine Wertewandel in der Gesellschaft, der sich vielleicht im Schlagwort mehr Ego und weniger Gemeinschaft und Zusammenhalt zusammenfassen lässt. Und der die Bindung der Mitarbeiter an ihr Unternehmen, die in vielen Fällen früher nicht selten eine lebenslange war, einigermaßen auf den Kopf gestellt hat.
    Nicht zu übersehen dabei ist aber, dass dieser Wertewandel nicht nur auf der Arbeitnehmer-, sondern auch auf der Arbeitgeberseite stattgefunden hat. Dass Unternehmen heute ihre Mitarbeiter:innen eine langfristige Arbeitsplatzsicherheit bieten können, ist praktisch vollkommen weggefallen. Oft genügt schon der kleinste Windhauch auf zugegeben viel volatiler gewordenen Märkten, dass sich Unternehmen – übrigens auch bei völlig intakten Gewinnen – reihenweise von großen Teilen der Belegschaft trennen. Die Frage ist natürlich, ob das immer genauso notwendig ist. Und ob Unternehmen ihre wertvollen Mitarbeiter zumindest kurzfristig nicht auch durch Krisen durchtragen könnten, wie es z. B. in Pandemiezeiten oft der Fall war. Treue und Bindung auf der Mitarbeiterseite setzt die Treue des Unternehmens zu seinem Humankapital voraus.
    Langer Rede kurzer Sinn: Unternehmen können eigentlich nur dann ehemals bewährte Tugenden glaubwürdig von ihrem Personal einfordern, wenn sie sich fragen, welche Tugenden auch sie selbst an den Tag legen sollten. Sprich‘ welche Unternehmenskultur sie selbst pflegen und ob sie sich, vor allem in schwierigen Situationen, auch genügend in die ihnen zumindest für einen gewissen Zeitraum anvertrauten Menschen hineindenken können und wollen. So wie man die Weiterempfehlungsbereit der Kunden für ihr Unternehmen mit dem sog. Net Promoter Score sehr gut messen kann, gilt dies übrigens auch für die Bindung der Mitarbeiter:innen an das Unternehmen, für das sie arbeiten.

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  6. Jacobus Kraan sagte:

    Ein interessanter Gedanke, über Tugenden nachzudenken. Das Thema ist tatsächlich verloren gegangen bzw. wird als veraltet und verkrustet bewertet.
    Die Tugend als Auftrag an die Persönlichkeitsentwicklung passt und du machst deutlich, dass es notwendig ist, die Tugenden nicht nur neu zu entdecken, sondern auch für unsere moderne Welt neu zu bestimmen.

    Vielen Dank für diese Anregung!

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  7. Kai Brandes sagte:

    Die Beobachtung des Verlusts klassischer Tugenden wie Gründlichkeit teile ich absolut. Und wir erleben tagtäglich die negativen Auswirkungen in einer immer dysfunktionaler werdenden Gesellschaft. Ich habe nicht die Hoffnung, dass wir hier kurzfristig zu einem Wertewandel kommen werden. Daher stellt sich mir eher die Frage, wie wir damit umgehen und was uns helfen kann. Das Thema künstliche Intelligenz birgt vielfältige Chancen und Risiken. Als Führungskraft fordere ich von meinen Mitarbeitenden eine aktive Beschäftigung mit CoPilot, ChatGPT und anderen KI-Systemen. Richtig genutzt bieten diese Systeme erstaunliche Möglichkeiten bzgl. Analyse, Strukturierung, Maßnahmengenerierung und -verfolg sowie der Implementation von Qualitätschecks. Das hilft uns dann vielleicht nicht dabei, dass der Installateur die Schelle auch wirklich fest zieht, aber es ist dann wenigstens gut geplant gewesen.

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    • Franz Arnold sagte:

      Lieber Kai Brandes, ja, ich sehe auch, dass KI die Chance gibt, vieles in Konzeption, Planung und Steuerung zu optimieren. Aber auch bei der Nutzung von KI kommt es auf die Art und Weise an, wie wir es tun. Wenn wir auch keinen generellen Wandel erwarten können, so lohnt es sich aus meiner Sicht schon, für die Beherzigung von Tugenden einzutreten.

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