Das Recht des Stärkeren im Beruf
Impuls vom 22.09.2026, Franz Arnold
Die Zeitenwende bringt auch im Beruf neue Herausforderungen. Die weltweite Entfesselung militärischer Machtanwendung und die nationalen politischen Umbrüche sind von einem Geist getrieben, der uns mobilisieren sollte. Es ist an der Zeit, über das Recht des Stärkeren im Beruf nachzudenken und unsere Werte zu artikulieren.
Der Geist, der aus der Flasche entwichen ist, das ist der Geist der Kraft, der Macht und der Gewalt. In der politischen Welt geben jene zunehmend den Ton an, die das Recht des Stärkeren ausdrücklich oder implizit propagieren. Sie wollen die Bändigung menschlicher Grausamkeit durch eine regelbasierte Ordnung nicht mehr akzeptieren.
In der bürgerlichen Welt wurde die christliche Botschaft der Nächstenliebe seit der Aufklärung durch eine neue und weltbewegende Initiative flankiert: Als Immanuel Kant 1785 in seinem Werk „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ den kategorischen Imperativ formulierte, inspirierte er die Entwicklung einer menschlichen Kultur.
So zu handeln, dass das eigene Verhalten immer auch den Prinzipien einer allgemeinen Gesetzgebung gerecht wird, bedeutet bis heute, dass wir die Würde und die Freiheit aller anderen Menschen respektieren. Der Kant´sche Imperativ verlangt uns ab, die anderen so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen.
Damit sind dem Recht des Stärkeren Grenzen gesetzt. An die Stelle von Überlegenheit, Missbrauch und Ausnutzung treten Respekt, Wertschätzung und Augenhöhe. Diese Werte haben wir in der jüngeren Vergangenheit im beruflichen Leben vielfältig behandelt und damit den Umgang miteinander spürbar kultiviert.
Aber es ist keineswegs selbstverständlich, dass die Achtung vor der Würde und der Freiheit des Menschen im Beruf Bestand hat. Das Engagement für Diversität soll bewirken, dass wir bunte Vielfalt und unbedingte Gleichberechtigung in Unternehmen und Einrichtungen erleben. Das Canceln entsprechender Programme zeigt, was uns droht.
Die Herausforderung, mit unseren Mitmenschen aufgeklärt und menschenfreundlich umzugehen, ist im Beruf besonders groß; denn Unternehmen und Organisationen brauchen für ihren Zusammenhalt und für ihre Ausrichtung Regeln, Strukturen und Entscheidungen. Damit sie wirken und ihren Zweck erfüllen, müssen die Führungskräfte sie vertreten – und dafür erhalten sie Macht.
Die Führungskräfte haben mit ihrem Mandat, die Ziele und Pläne des Unternehmens durchzusetzen, große Macht. Diese Macht der Position macht sie definitiv zu Stärkeren. Oft haben sie eine Qualifikation und Erfahrungen, die ihnen ohnehin Vorsprung und Überlegenheit sichern. Zudem sind sie häufig intellektuell und persönlich stark.
Stärkere gibt es überall. Wir erleben heute zum Beispiel in den Schulen, dass es eine große Aufgabe ist, dort das Recht des Stärkeren einzudämmen und zu verhindern, dass die Schwachen gedemütigt, bezwungen und tyrannisiert werden. Generell ist es in unserer Gesellschaft nötiger denn je, für Rücksicht, Respekt und Toleranz einzutreten.
Wenn aber die Überlegenheit aus persönlicher Stärke durch institutionelle Macht gestützt und vergrößert wird, dann ist die menschliche Herausforderung besonders groß. Viele erleben es täglich, dass Führungskräfte ihre Macht missbrauchen. Da reicht das Spektrum von launigen Ungerechtigkeiten bis hin zu persönlicher Demütigung.
Auch für die Macht der Führungskräfte gibt es die Einschränkung und Regulation durch eine regelbasierte Ordnung. Die Unternehmensleitung muss dafür sorgen, dass die Rolle der Führungskräfte sachgerecht definiert ist, dass Willkür durch die Unternehmensverfassung eingedämmt wird und dass die kultivierte Ausübung von Führung eingefordert wird.
Diffiziler ist die Erhaltung eines zwischenmenschlich akzeptablen Umgangs. Die Forderung ist leicht formuliert, dass Führungskräfte den Mitarbeitenden mit Wertschätzung und auf Augenhöhe begegnen. Aber im Alltag und im Eifer des Gefechts sind Ungeduld, Herablassung, Achtlosigkeit, Rigorosität und Zynismus allzu oft zu beobachten.
Die Stärkeren geraten oft in die Dynamik, gegenüber den Schwächeren dominant und zwingend aufzutreten. Sie gefährden dabei ihre Akzeptanz und den Erfolg ihres Handelns. Das ist für manche Grund genug, sich zivilisiert zu verhalten. Aber nicht nur deshalb sollten sie sich bremsen, sondern menschlicher Umgang und Respekt vor dem Mitmenschen sollten ihre Werte und ihre Orientierung sein.
Die Dynamische Führung mit ihrem Leitmotiv Führung zur Eigenständigkeit geht einen Schritt weiter: Die Führungskraft sollte ihre Stärke dafür einsetzen, die Mitarbeitenden zu Selbstarbeitenden zu machen. Dafür ist es oft erforderlich, die Kompetenz der Mitarbeitenden in einem anspruchsvollen Prozess zu entwickeln. (Führung zur Eigenständigkeit, HAUFE 2025)
Das verlangt zusätzlichen Einsatz. Dieses Engagement wird belohnt, denn die Mitarbeitenden werden erfolgreicher. Aber menschlich verlangt dieses Führungsverständnis mehr als den Glauben an den Nutzen. Die Führungskraft braucht die Überzeugung, dass eine Berufswelt erstrebenswert ist, in der die Stärkeren ihr Potenzial einsetzen, um die Schwächeren zu mehr Erfolg zu führen.
Eine solche Haltung muss sich entwickeln. Die Blüte der Führungskunst erfordert eine Persönlichkeitsentwicklung, in deren Verlauf wir uns selbst erkennen und führen lernen. Dafür ist Einsatz nötig und Anstrengung ist auf diesem Weg unvermeidbar. Das ist der Preis für eine Welt, in der alle menschenwürdig leben können.
FA, 22.09.2026






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